Vorurteile zu digitalem Unterricht

Publiziert am um von Michael Walder

Digitaler Unterricht erfordert eine neue Art Inhalte zu vermitteln. Die Rollenverteilung ist nicht mehr so einfach wie bei traditionellem Unterricht. Korrekturfunktionen können vom Computer übernommen werden und das ist für Schüler oft einfacher zu akzeptieren, als wenn diese von einer Lehrkraft ausgehen. Digitaler Unterricht bringt mehr Selbstbestimmung für die Kinder, allerdings erfordert er auch mehr Selbstverantwortung.

Computer und was jetzt?

Digitalisierung in der Schule ist viel mehr als einfach ein paar Computer ins Klassenzimmer zu stellen, jedem Schüler ein Handy, Tablet oder Laptop in die Hand zu drücken aber sonst weiterzumachen wie bisher. Digitalisierung ist eine ganz andere Art zu unterrichten, denn wenn Individualisierung und selbstbestimmtes Lernen nicht zusammengehören, dann nutzt man 90% der Möglichkeiten digitaler Technik gar nicht aus. In mehreren vorherigen Artikeln (s. unten) behandelte ich bereits wie digitaler Unterricht aussehen könnte, aber statt die enormen Chancen zu sehen, werde ich immer wieder mit verschiedenen Vorurteilen konfrontiert. Deshalb beginne ich einmal mit den häufigsten und versuche diese so gut wie möglich zu entkräften. Die Vorurteile bestätigen eigentlich nur was Digitalisierung sicher nicht ist:

1. Vorurteil: Das digitale Klassenzimmer ist voll von elektronischen Geräten

Auch wenn vorne kein Smartboard hängt, kann man digitalen Unterricht betreiben. Die Menge an elektronischen Hilfsmitteln sagt nichts darüber aus, wie digital der Unterricht bereits ist. Im Notfall reichen eine handvoll Smartphones, ein Laptop und Internet, um digitale Inhalte zu produzieren. Geräte sind wie Werkzeuge, die man zwar beherrschen muss, wenn sie aber dem Unterrichtsziel nicht dienen, dann haben sie im Klassenzimmer auch nichts verloren.

2. Vorurteil: Der Computer ersetzt reale Begegnungen

Ein Hauptkritikpunkt ist immer, dass die Schüler keine oder weniger reale Begegnungen haben, wenn sie den Computer benutzen. Aber: Wenn das wahr wäre, dürften wir gar nicht mehr in einem Klassenzimmer unterrichten. Sicher 90% des Stoffes den wir Lehrer und Lehrerinnen unterrichten ist eben nicht real, sondern abstrakt. Mit der Digitalisierung hätten wir sogar die Chance mehr reale Begegnungen zu ermöglichen, weil individualisierte digitale Übungen weniger Zeit in Anspruch nehmen und effizienter sind.

3. Vorurteil: Die Schülerinnen und Schüler sitzen dann nur den ganzen Tag vor dem Bildschirm

Der Computer ist ein Arbeitswerkzeug und kein Unterrichtsinhalt. Die Lernenden werden zwar Übungen am Computer lösen, aber die meiste Zeit werden sie damit verbringen eigene Übungen zu entwerfen und zu produzieren. Dabei entstehen, Dialoge, Texte, Audios, Videos, Lückentexte etc. die erst im letzten Schritt digitalisiert werden.

4. Vorurteil: Digitalisierung in der Schule ist traditioneller Unterricht mit Computer

Nein, eben nicht, die Chancen der Digitalisierung können nur genutzt werden, wenn wir Lehrende den Unterricht individuell und selbstbestimmt gestalten. Mit traditionellem Unterricht sind wir längst an einem toten Punkt angelangt: Die guten Schüler langweilen sich und die schwächeren sind überfordert.

5. Vorurteil: Bei digitalisiertem Unterricht macht jeder, was er will

Auf den ersten Blick mag es sicher zutreffen, wenn man sieht, dass Schülerinnen und Schüler durcheinander an verschiedenen Projekten arbeiten. Es ist auch erwünscht, dass sich die Lernenden zum Teil nach ihren eigenen Interessen richten können. Allerdings gibt es immer verbindliche Ziele, die mit den Lehrpersonen abgesprochen sind und die auch überprüft werden.

Selbstbestimmt lernen

In alternativen Lernmodellen wie von Maria Montessori, Rudolf Steiner und anderen ist selbstbestimmtes Lernen seit je her wichtig für den Schulerfolg, also nichts Neues. Heute ist diese Fähigkeit aber wichtiger den je, denn wir stehen in der Arbeitswelt vor einem grundlegenden Umbruch: Die klassische Karriere vom einfachen Angestellten über Abteilungsleiter hinauf zum CEO wird immer seltener. Die Realität ist heute, dass Firmen entstehen und verschwinden, als Mitarbeiter arbeitet man mal hier mal dort, manchmal vielleicht an zwei Stellen gleichzeitig, vielleicht selbst als Gründer eines Startups. Es sind Fähigkeiten gefragt, zu denen es keine offizielle Ausbildung gibt, Flexibilität und Kreativität sind notwendig. Diese Eigenschaften fallen nicht vom Himmel, wenn wir sie nicht in der Schule fördern und entwickeln, werden heutige Schülerinnen und Schüler Mühe haben sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden. Natürlich braucht es gemeinsame Standards, wie gute Ausdrucksmöglichkeiten in der eigenen Sprache, Zahlenverständnis, ein Grundverständnis über Länder, Kulturen und Religionen, Fremdsprachen etc. Die Lernenden sollten aber mit zunehmendem Alter immer mehr Autonomie erhalten, wie sie diese Standards erreichen wollen. KI wird in Zukunft die Studierenden dabei unterstützen Schwächen aufzuarbeiten und auch aufzeigen was sie schon gut beherrschen. Uns Lehrern wird aber die Arbeit in Zukunft nicht ausgehen: Neben unserem Job als Wissensvermittler werden wir zum Berater und Coach für jeden einzelnen. Wir müssen das Potenzial jedes einzelnen kennen und fördern und hoffentlich bald auch individuell Beurteilen, nur so werden wir die Lernenden auf ein sich schnell änderndes Arbeitsleben vorbereiten können.

Individualisiert lernen

Individualisierung ist auch kein neues Thema, seit ich meine Ausbildung vor mehr als zwanzig Jahren anfing, sprach man bereits davon. Aber Individualisierung ist im Schulalltag eben sehr schwer umzusetzen: Es heisst ja nicht, dass man einfach ein paar Gruppen macht und sagt: «Gut, die Schnellen machen das, die anderen machen die angefangene Übung fertig und die, die es noch nicht verstanden haben kommen zu mir». Dieses Beispiel unterscheidet zwar zwischen verschiedenen Fähigkeiten, aber echte Individualisierung ist es trotzdem nicht, dies würde dann zutreffen, wenn wirklich jedes Kind ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm hätte. Bei 20-30 Schülern wohl ein Projekt der Unmöglichkeit. Dank der Digitalisierung können wir aber erstmals ganz individuelle Programme zusammenstellen, können die Resultate automatisch auswerten und mit den Schülerinnen und Schülern besprechen. Individualisierung heisst auch effizienter Lernen: Ich bin überzeugt, dass sich die Übungsphasen entscheidend verkürzen werden, weil jeder an seinen eigenen Schwächen arbeiten kann. Die gewonnene Zeit, kann man wiederum dazu nutzen reale Begegnungen zu ermöglichen, sich persönlichen Interessen zu widmen oder ganz einfach wieder mehr zu spielen.

Was meint ihr dazu? Mit welchen Vorurteilen des digitalen Unterrichts werdet ihr konfrontiert? Ich freue mich auf die Kommentare.

 

Weitere Artikel von mir zu diesem Thema:

https://www.linkedin.com/pulse/digitalisierungsstufen-der-schule-michael-walder/

https://www.linkedin.com/pulse/serie-zeitreise-2038-gymnasium-40-michael-walder/

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