Titel sind kein Garant für Berufung: Der Mythos des Fachkräftemangels

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Mythen erfüllen seit Urzeiten ein menschliches Bedürfnis: Das Unmögliche möglich zu machen – und sei es nur in Gedanken – ist sozusagen fest in unserer DNA einprogrammiert. Von Odysseus bis Superman und von Thor bis zu den Gebrüdern Grimm: Gesellschaften brauchen Mythen. Sie sind der Mörtel, der die sozialen Strukturen zusammenhält.

In unserer aufgeklärten Zeit sollte man meinen, dass Mythen ausgedient haben. Aber weit gefehlt.

Einer dieser modernen Mythen ist derjenige des Fachkräftemangels. Kaum ein Tag vergeht, an dem in der Presse nicht darüber gejammert wird. Dabei studierten noch nie so viele junge Menschen wie heute, und die Zahl der Maturandinnen und Maturanden mit Höchstnoten nimmt jedes Jahr zu.

Wie kann es also sein, dass angeblich überall Fachkräfte fehlen?

Ich habe dieses Phänomen in den letzten Monaten hautnah erlebt. Drei persönliche Erlebnisse aus meinem Alltag:

1. Die Weiterbildung zum «Digital Leadership in Education»

Vor drei Jahren schloss ich mein CAS zu diesem Thema an der PH Zürich ab. Insgesamt eine spannende Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Schule, den Unterricht und die Kinder. Das Zertifikat war die zwingende Voraussetzung für meine Tätigkeit als SMI (Spezialist Medien und Informatik) an meiner Schule.

Ich nahm diese Aufgabe wahr und durfte fortan in 90 % meiner Arbeitszeit:

  • neue E-Mail-Adressen erstellen,
  • Passwörter zurücksetzen,
  • Ersatztoner für die Drucker bestellen,
  • alltägliche Computerprobleme lösen,
  • Reparaturen von über 400 Geräten koordinieren.

Dazu stand mir ein 30 %-Pensum zur Verfügung. Die Ausbildung für diese Tätigkeit? Absolut unnötig. Jeder kaufmännische Lehrling könnte das bereits im ersten Lehrjahr erledigen. Der klitzekleine Anteil wirklich spannender Aufgaben erforderte etwas Fachwissen und machte mir auch Spass – war aber die absolute Ausnahme.

2. Die Zusatzausbildung zum Logopäden

Da es in unserem Schulhaus seit Jahren eine unbesetzte Stelle in der Logopädie gibt, dachte ich mir: Das wäre eine spannende Option. Ich informierte mich über Studienplätze. In einer Nachbarstadt schnödeten die Verantwortlichen über meinen «alten» Abschluss des Lehrerseminars – der zwar einer Matura gleichwertig ist, aber anscheinend eben doch nicht ganz. Ich fühlte mich nicht willkommen.

An einer anderen Fachhochschule meldete ich mich schliesslich für die Eignungsprüfung an. Einen ganzen Nachmittag lang mussten die anderen Kandidaten und ich Texte möglichst schnell lesen, einen Fachartikel aus den 60er-Jahren zusammenfassen, Rollenspiele absolvieren und logopädische Sprachübungen machen.

Bei der Schlussbesprechung dann die Offenbarung. Die Evaluatorin fragte mich:

 
  • «Herr Walder, spielen Sie Theater oder singen Sie in einem Chor?»
  • «Nein, eigentlich nicht, ich singe höchstens in der Kirche etwas mit.»
  • «Aha, das ist die Erklärung. Sie müssten für das Studium noch eine Stimmtherapie machen, Ihre Stimme ist noch ausbaufähig. Dann haben wir festgestellt, dass Ihre Lesegeschwindigkeit am unteren Limit liegt und Ihre Schreibweise für unseren Studiengang nicht wissenschaftlich genug ist. Sie können zwar anfangen, müssen diese Auflagen aber innerhalb eines Jahres erfüllen, sonst fliegen Sie raus.»

Alles klar. Ich kam verwirrt nach Hause, ging in mein Büro und legte das Anmeldeformular direkt ins Altpapier.

3. Der Sprachkurs

Vor Jahren schrieb ich mich bei einer Agentur ein, die Sprachkurse für Erwachsene anbot. Ich hatte Lust, wieder einmal Erwachsene zu unterrichten, und meldete mich spontan für einen Deutschkurs für Anfänger (zwei Wochenstunden). Die Entschädigung pro Stunde war nicht besonders hoch, aber akzeptabel.

Bald folgte die Einladung zum Vorstellungsgespräch inklusive Probelektion in Zürich. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich stehe seit 25 Jahren in Klassenzimmern, habe tausende Lektionen unterrichtet und reichlich Erfahrung in der Erwachsenenbildung. Und jetzt eine Probelektion? Nach einer Stunde Bahnfahrt von Bern?

Na gut, ich ging hin, hielt die Lektion. Das meiste war gut, ein paar Details wurden bemängelt. Dann der nächste Schritt:

  • «Sie können nun unser Online-Onboarding beginnen. Rechnen Sie mit etwa 4 Stunden Aufwand, es ist umfangreich. Im Anschluss laden wir Sie zu einer Schulung für unser Informatiksystem nach Zürich ein. Das dauert auch mehrere Stunden.»
  • «Oh, ja, vielen Dank. Wir hören voneinander.»

Einige Tage später erhielt ich ein weiteres Angebot der Agentur für einen Kurs – diesmal direkt in Bern. Ich klickte im E-Mail-Programm ohne Umwege auf den Button «Als Spam markieren».

Mein Fazit

Versteht mich nicht falsch: Ich halte hohe Anforderungen für wichtig. Es geht aber darum, wo sie sinnvoll sind – und wo völlig deplatziert. Unsere Arbeitswelt ist versessen auf Titel und Zertifikate. Dabei sind Titel kein Garant für eine Berufung.

Wenn die Wirtschaft und das Bildungssystem also weiterhin lieber über den Mangel jammern, statt erfahrenen Praktikern realistische Chancen für den Einstieg zu geben, dann ist das eben so. Ich für meinen Teil habe beschlossen, das Gejammer nicht mehr ganz so ernst zu nehmen.

Und solange das System den Fehler lieber bei den Menschen sucht als bei den eigenen absurden Anforderungen, schiebe ich die Schlagzeilen zum «Fachkräftemangel» gedanklich dorthin, wo sie hingehören: in den Spam-Ordner.

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