Von «La Suisse n’existe pas» zu «La Suisse n’existe plus»

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Mit dem Satz «La Suisse n’existe pas» provozierte der Künstler Ben Vautier einst an der Weltausstellung. Heute debattieren wir über die Initiative, unsere Bevölkerung auf 10 Millionen zu limitieren. Aktuell befürworten 47 % der Stimmberechtigten diese Abschottung – genau so viele, wie sie ablehnen. Die Ursachen für den Frust wie Wohnungsnot, überfüllte Züge und ein teures Gesundheitssystem sind real und im Alltag spürbar. Doch ist eine Obergrenze wirklich die Lösung für diese wirtschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen? Erfahren Sie in meinem neuen Beitrag, warum ich zwar für eine 10-Millionen-Initiative bin – aber für eine ganz andere –, und weshalb unsere echte Schweizer DNA nicht aus Einigelung, sondern aus Innovation, Adaption und Solidarität besteht.

Der französisch-schweizerische Künster Ben Vautier provozierte mit diesem Satz an der Weltausstellung in Sevilla. Er wollte damit der Schweiz nicht die nationale Existenz absprechen, sondern er meinte damit, dass die Schweiz zu verschieden sei, dass es eine einzige «La Suisse» gibt. Diese Vielseitigkeit war schon immer ein Erfolgsrezept unseres Landes:

  • Das schweizerische aller Schweizer Gewürze, das Aromat, wurde von Knorr entwickelt, zwar in einer Schweizer Niederlassung, aber von einer ursprünglich deutschen Firma. Der beharrliche und sture «Knorrli» auf der Verackung stammt aber immerhin vom Künstler Hans Tomamichel aus Bosco Gurin.
  • Der Hauptbestandteil der berühmten Schweizer Schokolade stammt aus den Tropen
  • Die frühe Technologie der Uhren gelangte ursprünglich von Frankreich in den Schweizer Jura.
  • Unser Nationalgetränk, der Kaffee, stammt ebenfalls aus den Tropen.

Die Liste würde lang werden, denn nur Weniges stammt wirklich aus der Schweiz oder wurde ohne Einfluss von aussen berühmt. Diese Ambivalenz zwischen innen und aussen zwischen Innovation und Adaption, ist Teil der schweizerischen DNA. Neu ist auch nicht die Eigenschaft der Schweizer, sich einzuigeln, wenn es zuviel des Fremden wird. Neuerdings mit der Initiative, die Bevölkerung auf 10 Millionen zu limitieren. Es sollte uns aber aufhorchen lassen, wie hoch der Anteil an Stimmberechtigten ist, welche die Initiative befürworten: zurzeit 47 % – genau so viele wie sie ablehnen. Die hohe Zustimmung zur Einigelung ist nur auf den zweiten Blick erstaunlich, sind doch die 47% vermutlich hauptsächlich mit den negativen Auswirkungen des Wachstums konfrontiert:

  • Mit überfüllten Zügen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Einem Gesundheitssystem, das zwar immer teurer, qualitativ aber immer schlechter wird.
  • Wohnungsnot und exorbitante Miet- und Kaufpreise.
  • Einem Bildungssystem, dass 25% der Jugendlichen mit ungenügenden Lesekompetenzen ins Berufsleben entlässt.
  • Einer stetigen Zunahme der Ungleichheit bei Löhnen und Vermögen.
  • Die finanzielle Belastung für Familien mit Kindern wird immer höher, vor allem bei durchschnittlichem Einkommen.
  • Totale Abhängigkeit von wenigen Firmen im Bereich Software und Technologie

Die Lösung, das Wachstum zu beschränken, scheint also naheliegend. Die freiwillige Beschränkung auf 10 Millionen Einwohner wird aber keines der oben erwähnten Probleme lösen. Sie sind das Resultat politischer und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen:

  • Die hohe Anzahl von Pendlern hängt nicht mit der puren Freude am Zugfahren, sondern mit der Verfügbarkeit von erschwinglichen Wohnungen am Arbeitsort zusammen.
  • Das Gesundheitssystem ist inzwischen so organisiert wie die Zugangsbeschränkung zum Medizinstudium, der Numerus Clausus: schnell analysieren, schnell diagnostizieren, schnell behandeln und schnell abrechnen. Der NC beschränkt also nicht nur den Zugang zum Studium, sondern schafft auch gleich die Voraussetzung für die künftigen Mediziner. Und wenn’s im Inland fehlt, gibt es genügend, die vom Ausland herkommen…
  • Im Immobilienmarkt mögen zwar vermögende ausländische Zuwanderer zur Preissteigerung beigetragen haben, vieles geht aber auch auf das Konto einflussreicher nationaler Pensionskassen und anderer institutioneller Anleger, welche für ihre Investoren ordentliche Renditen erwirtschaften wollen.
  • Ideologische Hochseilakrobatik an den Pädagogischen Hochschulen und andere gesellschaftliche Herausforderungen führen dazu, dass unser einst für Zuverlässigkeit und Qualität bekanntes Bildungssystem immer mehr Jugendliche mit schlechten Voraussetzungen ins Berufsleben entlässt.
  • Das stetige Öffnen der Lohnschere führt dazu, dass sich Mehrarbeit nicht mehr lohnt. Viele Arbeitnehmer arbeiten nur noch so viel, wie zum Leben nötig ist. Weshalb auch, wenn alles andere unerschwinglich teuer geworden ist.
  • Allein in meinem Quartier könnte ich um die 10 Beispiele nennen, wie Hausbesitzer im Pensionsalter oder darüber, allein oder zu zweit Häuser mit 6 oder mehr Zimmern bewohnen, während ich in meinem Umfeld genau so viele Familien kenne, die sich zu viert oder mehr eine 4.5-Zimmer-Wohnung teilen. Kein Wunder also, dass eine Familie zu gründen kein erstrebenswertes Ziel mehr ist.
  • Die totale Abhängigkeit von meist amerikanischer Software und meist asiatischer Technologie verursacht versteckte Kosten von jährlich 14 Milliarden Franken.

Die Schweiz, wie wir sie kennen, kostet etwas. Nicht mehr Geld, denn das haben wir zum Glück in der Schweiz im Überfluss. Es kostet Solidarität zwischen den Generationen, zwischen Vermögenden und weniger Vermögenden und zwischen Institutionen und Privaten. Ich bin für eine 10 Millionen Initiative, aber anders: Wer 10 Millionen Franken hat, darf damit tun, was immer er oder sie will, wer mehr hat, soll diese in ein Projekt investieren, welches die Schweiz als Ganzes weiterbringt. In die Gesundheit, in die Bildung, in gemeinnützige Infrastruktur und Innovation.

Ich habe mich immer für eine solidarische Schweiz im In- und Ausland eingesetzt. Ich möchte in Zukunft nicht sagen müssen: «La Suisse n’existe plus». Deshalb: Ich bin gegen eine Beschränkung auf 10 Millionen Einwohner, aber die Schweiz muss solidarischer werden!

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